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Termine - Details

Event
Wann: Do: 09 September 2010  
Wo: Projekt 42 - Mönchengladbach
Kategorie: Events
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Eventbeschreibung:
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Donnerstag, 09.09., 20.30 Uhr, Sonderkonzert mit EMBRYO live!

 
Beim Fehmarn-Festival 1970 traten sie direkt nach Jimi Hendrix auf,dem
letzten Auftritt seines Lebens. Sie spielten mit Jazzkoriphäen wie Charlie Mariano und Mal Waldron. Miles Davis knauserte nicht mit Lob. Sie besuchten Fela Kuti in Nigeria sowie Ravi Shankar und das Karnataka College of Percussion in Indien und heuerten als Zirkusband in Pakistan an. Mehr als 400 Musiker durchliefen in den letzten vier Jahrzehnten die Band, was Embryo zu einer äußerst wirksamen alternative Weltmusikakademie macht. Ihr Ruf reicht inzwischen um den halben Globus. Alternative Rockmusiker wie NNCK, die Lieblingsband der Sonic Youth aus New York verehren sie als „Heroen des Untergrund” und suchen ihre Zusammenarbeit. 1969 gegründet, verband Embryo als eine der ersten Bands in Europa Rock mit Jazz. Später häuteten sie sich zu Pionieren der Weltmusik und
unternahmen lange Reisen in den Orient und nach Afrika, um dort mit Musikern vor Ort zu spielen. Aus all diesen Erfahrungen speist sich bis heute ihre frei fließende, bunt schillernde Musik, die sie immer wieder mit überraschenden Klängen und Tönen neu auftanken. Seit 40 Jahren ist die Band aus München kreativ in Bewegung. Wo andere längst aufgegeben oder es sich im Sessel gutsituierter Bürgerlichkeit
bequem gemacht haben, macht Embryo weiter: kompromisslos, unbeirrbar, noch immer Underground, noch immer Gegenkultur.

 

PR-TEXT

Vom Krautrock zur weltumspannenden Musikerfahrung: Heute feiert die Münchner Formation Embryo das Erscheinen ihrer Doppel – CD - Werkschau zum Jubiläum
 von Christian Jooß Münchener Abendzeitung 23_4_2010.

Eben ist er mit seiner Band Embryo aus Marokko
zurückgekommen. Christian Burchard sitzt in der Küche des Münchner Trikont - Labels. Hier ist eine Doppel - CD
mit 28 Stücken aus dem Gesamtwerk erschienen.
Embryo. das ist eine mittlerweile 40 Jahre alte Münchner Musikinstitution, gewachsen aus der Krautrockszene. groß geworden auf Reisen mit Jazz und den Musiken. die man auf der Straße fand. Heute wird gefeiert, im Schwere Reiter. mit einer Embryo - Ausstellung aus Plakaten und Videos und mit einem Konzert mit verschiedenen Gästen aus dem Ausland.
Gute Nachbarschaft: Embryo und Brigitte Mohnhaupts Katze:
1971 fuhr die Gruppe nach Marokko, Algerien und Tunesien und spielte mit einheimischen Musikern Es war die erste Reise von vielen. „Da haben wir gemerkt, wir spielen die falschen Töne“. Embryo begann zu lernen. Und dieser Prozess ist für Burchard auch 40 Jahre nach der Gründung der Band noch nicht abgeschlossen. Die Osmanen kennen zwischen C und D neun verschiedene Mikrotöne. „Ich habe das gelernt zu hören,“ sagt Christian Burchard, „aber ich kann das immer noch nicht hundertprozentig“. Er ist schließlich wohltemperiert mit Johann Sebastian Bach aufgewachsen...........................
Burchard erzählt. Von Anfang an. Vom Aufwachsen in Hof, von der Übersiedlung nach München. Von der Begeisterung für neue Jazzer wie
Ornette Colernan, den er 1961 irn Konzert erlebt hat. Und davon, wie er plötzlich für einen Musiker des Mal-Waldron-Ensemles einsprang. Und etwas später den Jazz-Pianisten Waldron nach München brachte. um mit ihm in eine enge Musikerkommune in Giesing zu ziehen. In der Münchner
Krautrock-Zeit und im UmfeId von Amon Düül entstandenen Embryo -die manchmal auch ganz nahe an der politischen Zeitgeschichte waren.
Die zweite Ernbryo-Komnune quartierte sich in der
Freund Rolf Heißler. Man verstand sich nicht eben prächtig: Für Embryo waren die zukünftigen RAFler zu rockig unterwegs. Umgekehrt hielten
die Embryo für Kiffer jenseits von Gut und Böse. Als man eines Tages vom Einkaufen nach Hause kam, war die Eingangshalle voller Polizei. eben war
Mohnhaupt verhaftetworden. Die Embryo-Kommune leistete nachbar-schaftlichen Beistand und übernahm ihre Katze. Die hieß Hutzel. Und
war, erinnert sich Burchard vom Aussehen her "eine Mischung. aus Charlie Chaplin und Hitler". Ein nach wie vor perfektes Sinnbild für das Wesen der RAF, findet er.
Nach 1 ¼ Stunden Gespräch sind wir gerade mal in den 70 ern, in Afghanistan, wo die damalige Embryobesetzung vorübergehend als die Kapelle in einem einheimischen Zirkus spielte. Kurz davor waren einige der Musiker in Persien  verhaftet worden. Die Schergen des Schahs hatten die Langhaarigen auf der Straße aufgegriffen und ins Gefängnis verschleppt. Schläge. Eine nie vorher, nie nachher erfahrene Brutalität. Burchard erinnert sich noch heute an die Schreie, die hörte er in dem durchaus nach westlichen Standards eingerichteten Gefängnis. „Ein Klein-Stammheim“, sagt er.Das Grauen endete, als man den Einladungsbrief des Goetheinstituts in einer Reisetasche fand.
Mit den ökonomischen Erfolgsregeln des Pop hat Embryo nichts zu schaffen, obwohl sich Burchard bis heute beruflich ausschließlich seinem Musikprojekt widmet. Hier geht es um Respekt vor dem Anderen, nicht um imperialistische Weltmusik. Reisen ist im Embryo-Kosmos nicht
das Anfliegen von Punkten auf dem Globus, sondern eine, oft beglückende, manchmal mühselige, manchmal Nerven raubende, immer Zeit kostende
�berwindung von 'Distanzen. Schon 1970 fuhr man mit dem VW-Bus nach Fehmarn. Rocker prügelten der entsetzten' Band und ihrem Auto den Weg zur Bühne frei. Und am nächsten Tag spielten sie direkt nach
jimi Hendrix, der an diesem Tag den letzten Auftritt vor seinem Tod haben sollte.
Ein eigenes Zimmer haben Embryo gemietet, In diesem Archiv stapeln sich die Dokumente derBand bis an die Decke. Wer Embryo zu fassen ver-
sucht, der sieht sich vor einem psychedelischen Labyrinth von Geschichten. je länger man mit Christian Burchard spricht, desto weiter entfernt
man sich von der Gewissheit, was Embryo eigentlich ist. Wie viele Musiker mit und in Embryo gespielt haben? Irgendwo hat man von 400 gelesen. Burchard selbst zuckt die Schultern. Was sollte so ein Zahl auch erzählen? Nick McCarty, heute Gitarrist bei Franz Ferdinand, war während seinet Münchner Zeit dabei. Und erinnert sich im Booklet der neuen CD euphorisch daran. Es muss diese Freiheit sein, immer wieder vor die
Wand der eigenen kulturellen Beschränktheit zu laufen, so lange bis diese zusammenfällt, was Musikern auch morgen noch den Kick gibt.



Nachrichten ›Kultur ›Zürcher Kultur
27. März 2010, Neue Zürcher Zeitung
«Wir backen täglich unser täglich Brot» Das legendäre Weltmusik-Ensemble Embryo tritt im Zürcher Helmhaus auf, Vorreiter der Weltmusik: die legendäre deutsche Gruppe Embryo. (Bild: pd)  Vorreiter der Weltmusik: die legendäre deutsche Gruppe Embryo. (Bild: pd)

 Embryo zählt zu den Vorreitern sogenannter Weltmusik. Im Rahmen von Ian Anülls Ausstellung «Rien ne va plus» tritt die deutsche Gruppe im Helmhaus auf. Der Mitgründer Christian Burchard gab telefonisch Auskunft über Embryos Bedeutung. Adam Olschewski

«Une minute», sagt der Portier. Warten also. Und Lärm empfangen, der den Telefonhörer grossräumig füllt. Was ist das? Läuft da laut ein Fernseher? Oder ist es arabischer Übermut? Christian Burchard nimmt den Hörer im Hotelfoyer auf. Es ist 16 Uhr 30 mitteleuropäischer Zeit, eine Stunde früher aber in Marokko. Burchard kommt aus dem Bett. Seine Band Embryo hat hier musiziert, die ganze Nacht über. «Ein Riesenfest», sagt Christian Burchard und klingt dabei sehr angeregt.
Formation im WerdenDie Band ist eine Woche lang in Marokko, um zu proben. «Wir gehen hier in die Schule», sagt Burchard. Immer noch in die Schule? Embryo gibt es ja seit vierzig Jahren schon. Aber «Embryo», der Name, ist eben Programm; die Formation ist immer im Werden. In den vergangenen vier Dekaden waren an die 400 Musiker zu Gast, blieben Jahre oder Tage, weiteten ihren Horizont, öffneten sich, empfingen Impulse aus aller Welt. Bei Embryo schätzt man den Improvisationsgeist über alle Massen. Flexibel ist man dann auch bei Besetzungsfragen. Der bald 64-jährige Burchard aus Oberfranken ist da die einzige verlässliche Konstante.
Anzeige   Die Anfänge von Embryo liegen im Jazz. Burchard nennt seine Vorbilder: John Coltrane, Yusef Lateef, Sunny Murray, Free Jazz ganz allgemein. Zwei Jahre lang war er als Vibrafonist mit dem Pianisten Mal Waldron unterwegs, der Embryo zeitlebens treu blieb. Burchard spricht von der Stimmung Ende der sechziger Jahre: «Wir meinten, alles sei noch zu wenig.» Er spricht vom Muff der fünfziger Jahre und von Lehrern, die die NS-Zeit glorifizierten.
Und er spricht von Embryos erster Nordafrika-Reise, die ihm sowie seinen Mitstreitern die Ohren öffnete für Klänge jenseits des abendländischen Tonsystems. Der Lärm im Hotelfoyer fällt wie bestellt ein, als Burchard über diese Reise sagt: «Das war wie eine Bombe für uns.» Bereits mit ihrem Auftritt 1970 auf dem Festival in Fehmarn, wo sie nach Jimi Hendrix auf die Bühne kamen, wurde Embryo zum festen Begriff. Sie spielten neben Genesis am Pop-Festival in Reading, tourten durch Indien und Afrika. Mit Neugier ausgerüstet, verinnerlichten sie in fernen Gegenden jene Mikro-Töne, ohne die sie ab sofort nicht mehr musizieren mochten. «In vielen Ländern, die wir bereisten, wird die westliche Musikkultur als barbarisch empfunden, weil die Zwischentöne fehlen», sagt Burchard. Und fügt rasch hinzu: «Orientalische, persische, indische Musik, das ist unser musikalisches Axiom. Ohne das geht gar nichts.»
Dies macht nun eine Embryo-Kompilation hörbar, die noch im April erscheint. Es handelt sich um unveröffentlichte Stücke, die Burchard auf zwei CD gebündelt hat. So ergibt sich ein feiner Querschnitt durch Embryos schrankenloses Schaffen – vom astreinen Jazz über Psychedelisches (Burchard spielte bei den Kommunarden von Amon Düül II mit), über Kollaborationen mit dem Saxofonisten Charlie Mariano, mit Indern, Yoruba- und Gnawa-Musikern.
Der Freiheit verpflichtetDie Gruppe Embryo ist derzeit zu elft in Tanger, zwei Musiker aus Slowenien sollen noch nachkommen. Peter Michael Hamel ist ebenfalls da, der Nachfolger György Ligetis als Professor für Komposition und Musiktheorie an der Musikhochschule in Hamburg. Hamels Sohn gehört gegenwärtig genauso Embryo an wie Burchards Tochter.
Bereits 1975 gründeten Embryo-Mitglieder mit der vielfach verehrten Westberliner Band Ton Steine Scherben unter dem Motto «Musik im Vertrieb der Musiker» die eigene Plattenfirma «Schneeball». Dem Freiheitsgedanken verpflichtet, ist Embryo strenggenommen keine Band; eher ein Projekt, eine Utopien streifende Möglichkeit oder gar ein Gegenentwurf zum Pop-Business. Embryo existiere lediglich, weil man sich über die Jahre weltweit einen grossen Freundeskreis erspielt habe, der sich gegenseitig unterstütze, sagt Burchard – und: «Wir könnten leicht eine Band aus 300 Musikern stellen.»
Embryo sei die Pionier-Band der Weltmusik, heisst es. Aber was bedeutet Weltmusik? «Dass man sich nicht einengen lässt vom nationalen Stil», erklärt Burchard. Weshalb blieb Embryo über Jahrzehnte bestehen? Burchard sagt: «Dass es uns nach wie vor gibt, während sich andere hinter die Computer zurückziehen, ist schon besonders.» Und nach einer Pause, vom Lärm hinter ihm unangefochten: «Wir backen täglich unser täglich Brot.»

ÜberTanger in Marokko durch den Rest der Welt (-Musik). Wenn die Deutschen es ernst meinen, dann machen sie auchErnst. Pioniere aus dem Land der Dichter und Denker durchstreiften auch  in der Musik nahezu jeden Winkel des Erdballs auf der Suche nach unentdeckten Klängen. Mal wurden sie im glasklaren Klang des Vibrafons fündig, dann wieder in den schrägen Ekstaseabteilungen der Hammondorgel. Was schließlich hängen blieb, wurde zu einer eigenständigen Erkennungsmelodie gespeichert, die dem Merseybeat und dem Rock'n'Roii deutscher Art in Europa etwas gänzlich Neues entgegensetzte. Aus Flower-Power-Blütenträumen kristallisierte sich irn Süden Deutschlands ein Gewächs heraus, Schwab, Trilok Gurtu, Charlie Mariano, Ramesh Shotharn, Peter Michael Hamel und Dieter Serfas. Vierzig Jahre alt  und kein bisschen altersschwach: Embryo hält immer noch den Wimpel des Underground hoch, pflegt die gegenkulturellen Pflanzen und hat die Hand zum Bürgertum ausgeschlagen.
Zum Jubiläum setzen gleichwohl bürgerliche Umgangsrituale ein. Mit einem vollgepackten Doppelalbum erinnert das Trikont-Label an vier Jahrzehnte embryonale Rock-, Jazz- und Welt-musik aus deutscher Freiland-Produktion. Da finden sich Freejazz-ähnliche Klangausweitungen mit Mal Waldron  und indische Perkussionsszenarien mit Kenneth Wells unter dem Namen Sadja. Afghanische Gastmusiker mit dem Rubab-Meister Ustad Mohamed Omar im Zentrum verbreiteten damals noch
unbekannte Weltmusikklänge. Ein großer Packen perkussiver Elemente fand sich auch in der Kollaboration von Embryo mit dem Kamataka College of Percussion die von tiefer Orientalischer Klangpräsenz lebte. Embryo tührte ständig bunte Überraschungseier im Repertoire, das sich besonders durch seine Annäherung an fremde Kulturen auszeichnete. Das alles wird bis.heute von Christian Burchard zusammengehalten, der unermüdliqh den Sound von Embryo unter Feuer hielt und hält. Die
jüngste Aufnahme datiert vom 6. Juli 2008, aJs Embryo und das Münchner
Alphornkollektiv in Rudolstadt unter anderem den Titel "Hannibal's Nai� interpretierte, ein weiteres Stück mit exotischem "Klangmaterial aus der Sufi- Tradition.
Seite 109 JAZZTHETIK 05+06. 010 Klaus Hübner


Vielfältiger Klangkosmos entsteht
Buttenhausen. Seit 40 Jahren faszinieren Embryo mit ungewöhnlichen Klängen. Die Band gilt als Wegbereiter der Weltmusik. Am Freitagabend waren die Musiker um Christian Burchard zu Gast in der Domperle.
"Faszinierend, einmalig!" Was Christian Burchard am Freitagabend beinahe euphorisch beschrieb, war weniger die ungewöhnliche Architektur des sogenannten Domhauses in Buttenhausen, als die aus dem Kuppelbau resultierende Akustik. Burchard, Kopf der legendären Münchner Formation Embryo, kennt den Bau, gastierte er doch bereits vor sieben Jahren hier um mit seinen Musikerkollegen ein Konzert zu geben. Nun, auf Jubiläumstournee durch Süddeutschland, zur Feier des 40-jährigen Bestehens von Embryo, machte er erneut mit fünf Gastmusikern in Buttenhausen halt.
Die Musiker von Embryo mussten also improvisieren - was ihnen nicht allzu schwer gefallen sein mag, ist dieses Stilmittel doch ein durchgängiger Wesenszug ihres Schaffens. In Minimalbesetzung schafften sie es denn auch ein Panoptikum von Tönen zu kreieren, deren Wirkung sich auf die Gäste des Abends übertrug. Hypnotische Klänge der arabischen Lauten (Andy Rust, Valentin Altenberger) oder der Gitarre (Conrad Reukauf) bildeten den musikalischen Hintergrund für virtuose Läufe auf dem Xylophon oder der 96-saitigen persischen Santur (Christian Burchard). Die 20 Minuten andauernden Stücke schufen schnell eine entrückte und verzauberte Atmosphäre in einem ganz eigenen Klangkosmos. Orientalische Klangwelten verschmolzen mit Anleihen aus Jazz und Rock, mal unterstützt durch Trommeln, mal durch tonalen Gesang.
Schnell nahmen die Gäste im Inneren der Kuppel Platz um sich ganz der Akustik und einem ergreifenden Klangerlebnis hinzugeben.
Der musikalische Ansatz von Embryo ist indes schwer zu fassen und gehorcht einer eigenen Philosophie. Man kann das Musikprojekt als Fusionsgruppe, als Kollektiv oder als andauerndes Experiment betiteln - der Kern der Wahrheit entzieht sich allerdings feststehenden Begriffen. Einzig der Name des Projekts mag Hinweise geben: Wie ein Embryo ist die Formation um den Kopf Christian Burchard im Werden begriffen und dabei sich immer wieder neu zu erfinden - seit 40 Jahren.
Seit vier Dekaden erschließt und erhält sich Embryo Freiräume. Schon so lange lassen sich die Musiker von Neuem inspirieren, um es in ihrem Sound- und Klangkosmos aufzunehmen und dort zu verorten. Es ist diese stete Suche nach Tönen, die Embryo und Christian Burchard schon zu Lebzeiten zu Legenden machte. Die Embryo-Musiker, als erste Formation 1969 gegründet, wollten nicht gefallen, sondern mit freien Songstrukturen experimentieren. Auf zahlreichen Reisen Ende der 60er Jahre in den Orient, ließen sie einerseits westliche Denk- und Musikmuster zurück und öffneten sich andererseits neuen musikalischen Einflüssen um sie begierig aufzunehmen und einen eigenen Sound daraus zu formen.
Diese Art, fremde Musikstile zu rezipieren, machte sie schnell zu den bekanntesten Vertretern des "Krautrocks". Rund 400 Musiker spielten im Laufe der Jahre bei Embryo. Darunter der 2009 verstorbene Saxophonist Charlie Mariano oder der Bassist Nick McCarthy der heute bei Franz Ferdinand seine Meriten verdient.
Albbote, 31.5. 2010 Simon Wagner
 HYPERLINK "http://www.swp.de/muensingen/lokales/muensingen/art5701,500416" \n _blankhttp://www.swp.de/muensingen/lokales/muensingen/art5701,500416



Süddeutsche Zeitung Feuilleton 20.04.2010 Nr.92 S.13

Überschrift:
Die Pioniere
Das Münchner Rock – Kollektiv „Embryo“ sucht seit 40 Jahren nach Klangwelten

"Bei uns galt: Wer Erfolg hat, ist out! "sagt Christian Burchard. "Mit diesem Satz bin ich aufgewachsen". Es ist ein Leitmotiv, das womöglich einiges erklärt. Etwa das vernachlässigte Äußere des freundlichen Mannes, der im Innenhof der Giesinger Plattenfirma Trikont seinen Strähnenschopf über die Jubiliäums-Anthologie seiner Band beugt: ,,40 Jahre Embryo". Oder die Flugzettel, die er aus den Taschen seines verwaschenen Anoraks wühlt: Aktuelle Konzertankündigungen in Form handkopierter Collagen von Reisefotos und Zeitungsblocklettern: Könnte aus einem Jugendzentrum anno 1973 stammen. Und bewirbt doch das bedeutendste Musikerkollektiv, das München je hervorgebracht hat.
Das Reisen war immer wichtig für die Musik von Embryo, das merkt man, sobald der 64 – Jährige ins Erzählen gerät. Etwa davon, wie einst marokkanische Grenzbeamte und der deutsche Botschafter seine Musikerauf dem Weg zu einem vom Goethe-Institut in Tanger organisierten Konzert nötigen wollten, ihre Haare zu schneiden - klar, dass die Embryo-Musiker keinen Zentimeter nachgaben, um schließlich als erste Langhaarige einzureisen. Oder die Episode als Zirkusband in Pakistan. Der Auftritt mit Fela Kuti in dessen Nachtclub "Shrine" in Lagos. Der Studienaufenthalt indischen Tempeln, die Sessions in Afghanistan, der Beschuss durch Aufständische, die Schläge in iranischen Gefängnissen.
Irgendwann wird klar, warum Embryo sooft unterschätzt wird. Es handelt sich weniger um eine Band als um ein fortlaufendes Forschungsprojekt. Embryo ist ein aus der Zeit gefallenes Gegenmodell zu den sozialen, kommerziellen, sexuellen Erfolgsversprechungen des Pop. Miles Davis lobte sie als "crazy creative musicians". Doch in der Heimat weiß kaum jemand, dass die im heimischen München oft als "Gammler" beschimpften Musiker in Übersee als Krautrock-Göttter verehrt werden. Dass die selbstvergessenen Soundtüftler lange vor Peter Gabriel und Paul Simon eine Form von Weltmusik erfanden, die auf Gleichberechtigung statt Ideenklau beruhte. Dass sie in der Popgeschichte einen ähnlichen Stellenwert haben wie die gefeierten Rock-Avantgardisten von Can aus Köln. Dass Popgruppen wie Sonic Youth, Radiohead oder Beck sie als Vorbild zitieren.
Die Anti - Star - Pose wirkt bisweilen verschroben. Und doch ist es gerade der gelebte Anachronismus dieses Kollektivs, der ihm Respekt verschafft. "Alles ist immer noch zu wenig! " zitiert Burchard einen alten Beatnik-Spruch. " Wir wollten mit anderen Musikgalaxien, fremden tonalen Systemen in Berührung kommen. Damals war das für uns aufregendes Neuland". Damals: Das war eine Welt, in der musikalische Grenzerweiterung noch nach politischer Revolution roch, man Nachrichten an Gesinnungsgenossen auf Pinnwänden in Freak - Treffpunkten von Tanger, Istanbul oder Kabul hinterließ anstatt im Internet, und die Embryo-Musiker mit ihren Exoten - Instrumenten sich jeder Konvention verweigerten. Selbst ein Begriff wie
„Avantgarde" erschien ihnen noch zu spießig.
Der Drang hinaus in die Weite war bei Embryo vorprogrammiert: " Wir revoluzionierten gegen den ganzen gesellschaftlichen Mief, diese in die sechziger Jahre hinein überlebenden Nazi-Einstellungen", erzählt Burchard über seine Jugend. Zusammen mit seinem Freund Dieter Serfas besuchte er Jazz-Clubs, wo man die amerikanischen Neuerer hören, über Sartre – Bücher und Cocteau – Filme diskutieren konnte. Als Jazzmusiker folgte er den radikalen Ideen: Noten waren da genauso verpönt wie alles „Kommerzielle“.

//Es gibt nur wenige deutsche Bands, die in der Popgeschichte einen solchen Stellenwert haben//

Burchards große Chance kam, als Mal Waldrons Trompeter ausfiel: Der Pianist, der schon mit Billie Holiday, John Coltrane und Charles Mingus gespielt hatte, nahm ersatzweise den jungen Vibraphonisten in seine Band auf. Der Gig führte Burchard mit amerikanischen Soulmusikern wie auch deutschen Gesinnungsgenossen von Amon Düül bis Tangerine Dream zusammen. Aus ihrem Umfeld rekrutierte er 1969 die erste Embryo - Formation. Man hatte eine gemeinsame Idee: Einerseits parallel zum angloamerikanischen Popgeschehen das Single -Format gegen freiere Songstrukturen einzutauschen. Andererseits aber einen ganz eigenen Sound zu entwickeln.
Das geistige und politische Klima der späten sechziger Jahre kam diesem Vorhaben entgegen: Selbst in München blühte ein paar Jahre lang ein Untergrund auf. Burchard ging mit seiner Band in den Kommunen von Rainer Langhans und Uschi Obermeier ein und aus, man wohnte in der Münchner Au zwei Stockwerke über den späteren RAF – Mitgliedern Brigitte Mohnhaupt und Rolf Heißler (denen ein Embryo - Roadie angeblich dieWaffen besorgte), und spielte im "Paranoia-Center" des Amon Düül - Kollektivs in der Ungererstraße. Der gesellschaftliche Aufbruchsgeist spiegelte sich
musikalisch wider: In halbstündigen Improvisationsorgien wie auch in der Begeisterung für neue Technologien.
So rekrutierte Embryo aus England einen Ten – Years – After - Gitarristen, weilt der das Verstärker - Feedback beherrschte. Sie erprobten archaische Synthesizer, frequentierten die Labors der frühen deutschen Elektronikbastler. Wichtiger noch: Keine Plattenfirmen - Diktate sollten ihre Experimentierwut bremsen. Zusammen mit Ton Steine Scherben und dem linken Trikont – Verlag gründeten sie einen eigenen Vertrieb: Schneeball. Wie Gratefull Dead in Kalifornien verkörperten Embryo in Deutschland einen gelebten Gegenentwurf zum Establishment.
Nur dass die Hippie-Szene hierzulande sich bald als "kommerzialisierter dritter Aufguss" erwies, wie Burchard lästert.
Embryo aber machten sich auf in den Orient. Sie entdeckten mikrotonale Klangwelten, japanische Flöten, Sitars, tibetische Schalmeien und nigerianische Trommeln für sich. Das große Versprechen lag jenseits des europäischen Kulturkreises. Dabei wirkten sie als Durchlauferhitzer für über 400 Musiker, darunter Saxophonist Charlie Mariano, Franz Ferdinand Gitarrist Nick McCarthy, oder die Münchner Funk Adepten Wolfi Schlick und Max Weissenfeld.
Dass heute Techno - und Electromusiker die bisher 30 Alben der Münchner Krautrocker sampeln, registriert Burchard ziemlich unbeeindruckt. Er fühlt sich wohl in der Anonymität. Er sieht sich wie seine langjährigen Mitstreiter Roman Bunka oder Chris Karrer als Werkzeug im Dienste einer größeren Musikschöpfungsmaschine. Bezeichnend die Reaktion auf die Anfrage des einflussreichen amerikanischen Hip – Hop - DJs Madlib, mit Embryo auf Tournee zu gehen.
"Das müssen wir erst ausdiskutieren" , erklärt Burchard. Nicht nur, ob das "zu kommerziell" sei, sondern auch wegen der vom DJ gewünschten Proben: Wir haben eigentlich nie so gearbeitet.......".

JONATHAN FISCHER






Zum 40jährigen Bestehen von EMBRYO seit 1969 bringt der Trikont-Verlag, mit dem die Münchner schon Mitte der Siebziger kollaborierten, die Doppel-Digipack-Jubiläums-CD "40" heraus. Damit haben wir keine Werkschau in Form "das Beste von" vorliegen, sondern eine chronologische Reihe (nur "What's Happening (1970) ist vorangestellt) von seltenen Aufnahmen. Diese beginnt bei den Free Jazz-Wurzeln (Christian Burchard Trio, Mal Waldron Quartett) der späten Sechziger, die ziemlich schnell in einen hippiesken Jazz-Krautrock übergehen, der den Bandsound in der ersten  Siebziger-Hälfte ausmachte, um dann wieder relativ zügig in die wirkliche Bestimmung der Truppe um Christan Burchard und Dieter Serfass, die aber auch 400 andere Musiker(!) durchlaufen haben, zu münden: eine die traditionellen Musikstile der Welt und seiner Völker aufgreifende, noch immer dem Geist des Free Jazz und Haltung der Hippies verbundene und musikalisch verwandte und sich ständig auf Reisen befindende "äußerst wirksame und bewunderte Musikakademie". Diesen Begriff fand treffend Christoph Wagner, Professor am Lehrstuhl für Kunstgeschichte in Regensburg, der auch das Vorwort "40 Jahre Embryo - Neugierde, Integrität und Konsistenz" von "40" geschrieben, die Zusammenstellung aus Burchards Archiven kompiliert und die ausführliche(!), spannende, zum Verständnis der Zusammenhänge essentielle und  in der Textbeilage zu findende Bandgeschichte "Wieder Unterwegs" nach Burchards Worten aufgezeichnet hat. Damit sind wir beim Booklet, das neben den beiden erwähnten Kapiteln zudem Linernotes zu jedem Musikstück beinhaltet, die Besetzung, Instrumentierung, Aufnahmeort und eine kleine Abhandlung zu jedem Stück bieten. Und zwar alles auf deutsch und (!) englisch verteilt auf zwei Booklets. Verziert wird dies mit zwar kleinen, aber dafür, wie es heisst, bisher unveröffentlichten, Schwarz-Weiss-Abbildungen.

Um hier noch eine Brücke zu schlagen, denn das ist ja auch eines der der Hauptanliegen von EMBRYO, und zwar zu den vielen dem Indierock geneigten Lesern dieses Magzins, sei am Rande erwähnt, dass Nick McCarthy, seines Zeichens FRANZ FERDINAND-Songwriter und -Gitarrist, eben davor über drei Jahre bei EMBRYO aktiv war. Es hängt Alles mit Allem zusammen! Auf die namentliche Erwähnung der weiteren ca. 397 musikalischen Mitstreiter muss an dieser Stelle aus Platzgründen verzichtet werden.

Fazit: "40" eine hochinteressante Sache zum Hören und Schmökern für Fans sowieso und trotz seiner "rare track"-Herangehensweise auch für Einsteiger geeignet, da chronologische Herangehensweise und die Linernotes die Einordung der Musik begreifbar machen (oder man lässt alternativ die Musik einfach auf sich wirken - ist auch erlaubt). Wer zudem auch noch gucken will, müsste das Teil allerdings z.B. um die 2007er DVD "Vagabundenkarawane" ergänzen.

Ein letzter Hinweis: Nach ihrer Marokko-Tournee, die im März stattfand, werden EMBRYO "40" in einem Jubiläumskonzert am 23. April mit so einigen Gastmusiker-Auftritten im Münchner "Schwere Reiter" live präsentieren, verbunden mit einer Plakat-, Film- und Video-Austellung. Ich behaupte: sehens- und hörenswert!

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Bad Alchemy 10.09
EMBRYO Freedom in Music (Indigo 858222):
Was könnte ich über Embryo sagen, das nicht schon gesagt worden wäre? Dass sie einzigartig
konsequente fahrende Musikanten auf Never Ending Tour durchs globale Dorf sind? Dass mit ihnen jeder noch so kleine Konzertsaal  in welchem Winkel auch immer ein Wurmloch zur weiten Welt wird? Nur eben ganz anders als es TUI verspricht. Christian Burchards Truppe verbreitet einen Hauch von Exotik, eine Ahnung von Freiheit, die im Jet-Zeitalter vielen schäbig und überholt vorkommen mag. Aber das Genuine hatte eigentlich immer schlechte Karten. Daran wird sich auch nichts dadurch
ändern, dass die 33. CD einmal mehr Stationen von Embryos Weltreise auffädelt wie Perlen, die in der Nussschale das enthalten, was die spezifische Lebensform ‚Embryo‘ ausmacht, oder dadurch, dass Burchard & Co. heuer durch die Verleihung des Deutschen Weltmusikpreises 2008,
eines Ehren RUTH für ihr Lebenswerk, offiziell gütegesiegelt wurden. Das Gros der Mitschnitte stammt aus dem Basislager München, dazu auch aus Berlin, vom Marghera Festival 2007 bei Venedig, aus Florenz, Christiana, Tanger, Barcelona oder von der Costa Brava. Immer anders spielt sich da der harte Kern aus Burchard und seinen Vibes, Lothar Stahl an den Drums und Jens Pollheide am Bass in einen Groove, der eine je eigene Note bekommt durch spezifische Zutaten in Gestalt des Vokalisten Mik Quantius oder durch Saxophone, Fagott, sogar Alphörner, durch Geige, Cello, Gitarre, Keyboards. In Christiana wurde zu Ehren der Herrschaftsfreiheit noch einmal echter krautiger Freakrock angerührt, mit Burchard an einer elektrischen Santour. Eine imaginäre Route führt mit Murat Cakmaz und seiner Nai und Fakraddin Gavarov mit seiner Tar von der Türkei über die Seidenstraße bis zu den
fernöstlichen Akzenten, die Xizhi Nie per Sheng, Erhu, Flöte und Karnatakascat setzt. Zuvor schon hatten Deobrath Mishra und Pandit Kumar Lal Mishra mit Sitar und Tabla zusammen mit dem Baritonsax von M. Lutzeier ‚Benares in München‘ eingemeindet. Für orientalischen Zauber sorgen Larry Porter an der Rubab und Mesut Alis Oud oder - in Tanger - Abdellah el Gourd & Dar Gnawa. Am westlichen Pol predigen der Katalane Furmi oder Monty Waters auf dem Altosax und Roman Bunka antwortet mit
Gypsysounds auf der Gitarre. Das hört sich disparater und eklektischer an, als es dann klingt, denn Burchards perlender, durch die jeweiligen Rhythmsections unterstützer Nadel- & Faden-Puls, oft in 7/8, webt jeden Farbton, jede noch so unwahrscheinliche Begegnung, sei es ‚Baku in Marghera‘ der ‚Scheng in Manhattan‘, ein in  Embryos ethno-rockiges Endlosband der musikalischen Freiheit und Freundschaft. [BA 60 rbd]

Nürnberger Nachrichten 16.9.09